Der Carnaval Betanceño stammt aus aus Betanzos, einem Dorf in der Nähe der Landeshauptstadt Potosí. Potosí liegt auf rund 4.000 m Seehöhe und gelangte vor allem durch den Cerro Rico, den Silberberg, zu großer Bekanntheit. Heute, nachdem das Silber großteils abgebaut ist, gehört die Region zu den ärmsten Gegenden des Landes. Etliche Dörfer sind nur zu Fuß zu erreichen, Strom gibt es keinen. Auf der anderen Seite haben sich gerade durch diese Abgeschiedenheit viele der alten Riten und Bräuche erhalten.
Dazu gehört auch ein archaisches Fest, das “Tinku” (”Begegnung” auf Quechua) genannt wird. Die Angehörigen der Macha, Pukwata, Chayanta und Sakava versammeln sich in auserwählten Dorfgemeinschaften, den Ayllus, jeweils ein paar Tage im Monat Mai. Es wird getanzt und musiziert, und vom Coca- und Alkoholkonsum zum Kampf stimuliert bewaffnen sich die Kontrahenten mit Lederhelmen, festen Handschuhen und Steinschleudern, um sich im Zweikampf mit Angehörigen der anderen Ayllus zu messen.
Das Vergießen menschlichen Blutes ist dabei von elementarer symbolischer Bedeutung. Der Schlagabtausch ist jedoch strikten Regeln unterworfen, die streng kontrolliert werden. In dem Augenblick, in dem die Überlegenheit der anderen Seite zu deutlich wird und die andere zu vernichten droht, treten die Frauen des Ayllus gruppenweise vor die Männer und bringen den Kampf zum Erliegen.
Trotzdem kommt es durchaus vor, dass Teilnehmer zu Tode kommen, was aber trotz aller Trauer um die Gefallenen als notwendig erachtet wird, gilt das vergossene Blut doch als Opfer für die “Pachamama”, die Mutter Erde. - Kann sie gütig gestimmt werden, dann wird das nächste Jahr ein gutes Erntejahr.
Wie alle bolivianischen Tänze haben auch diejenigen aus Potosí ihre ganz spezielle, unverwechselbare Tracht: Die Kleidung der Frauen besteht aus der Almilla, einem langen, schwarzen und am Saum reich bestickten Kleid, einem Tragetuch, in dem von Lebensmitteln bis zu Kindern alles transportiert wird, und einem ebenfalls bunt mit floralen Motiven bestickten Schultertuch. Um durch ihre langen Zöpfe nicht beim Arbeiten gestört zu werden, binden sie diese mit den Tullmas, einem Haarschmuck, der regional sehr stark variiert, zusammen. Die noch ledigen Tänzerinnen schmücken ihre weißen Filzhüte aus Lamawolle mit bunten Federn, Schmuckbändern und Spiegeln. Als Chuspitas werden kleine handgewebte Taschen bezeichnet, die zum Aufbewahren von Coca-Blättern, aber auch als Geldbörse dienen. Die Chumpis, bunte Schals, dienen als Gürtel.
Chullos, die auch in Deutschland in letzter Zeit sehr beliebt gewordenen “Zipfelmützen”, werden in Bolivien nur von Männern getragen und sind nicht nur Gegenstand des täglichen Gebrauchs, sondern symbolisieren auch das Ansehen innerhalb der Dorfgemeinde. Anhand des Chullos kann auch die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Volksgruppe bzw. einer Dorfgemeinschaft abgelesen werden. Die Tänzer verwenden schwarze oder weiße Hosen und meist bunte, stark bestickte und verzierte Jacken. Früher waren die Sandalen aus gegerbtem Kuhleder, heute werden sie oft auch aus einem alten Autoreifen hergestellt. Für den Tinku verwenden die Männer spezielle Helme, Monteras genannt. Die Form der aus Rindsleder gefertigten und mit Federn geschmückten Monteras erinnert an die Helme der spanischen Eroberer.