sebastian hat geschrieben:
Ich könnte mir vlt. schon vorstellen, dass der Grundwehrdienst für den Staat günstiger ist, als wenn er für die gleiche Anzahl der Wehrdienstleistenden Berufssoldaten einstellt. Darum geht es mir aber nicht.
Aber exakt darum geht es in meiner Aussage. Ich bin weiss Gott kein Militär-Liebhaber, und es hat mich so richtig, aber so richtig angekotzt, als die mich eingezogen haben. Ich hatte gerade meine Lehre beendet, nun gings richtig ans Geld verdienen, und da kommt der Einberufungsbescheid ins Haus geflattert.
Ich hab das zweitschlimmste erwischt, wie man beim Bund gequält werden kann, an erster Stelle kommen die Fallschirmjäger, was ich eigentlich erst machen sollte, und dann bin ich doch "nur" Sanitäter geworden.
Juhuu --- alle sagen, Sanitäter habens am Besten! Also dachte ich mir, die 12 Monate sitze ich doch auf der linken Arschbacke ab, doch was dann kam, war alles andere als "Juhuu".
Die Grundausbildung, Im Winter in Hildesheim, ein Horror. Unser Zugführer war der Meinung, wir schaukeln uns den Rest der Wehdienstzeit die Eier, da sollen wir wenigstens in der Grundausbildung richtig rangenommen werden, und das hat der wahr gemacht.
Da waren Leute, die haben vor Erschöpfung geheult, gekotzt oder sind einfach nur zusammengesackt, weil es nicht mehr ging.
Ich hingegen hatte die Soldatin immer im Auge und sie mich, da durfte ich ja nicht schlapp machen, wie sieht das denn aus, und somit wurde ich dafür auch entsprechend belohnt, jijiji.
Nach der Grundausbildung wurde ich in den San-Bereich eines Jägerbatallions versetzt, gerade angekommen hat man mich direkt weitergeschickt nach Wildeshausen zu den Fallschirmjägern (darum weiss ich, das die am schlimmsten dran sind), um dort meinen LKW-Führerschein zu machen.
Den Schein dann in der Tasche, zurück zu meinem Standort, habe ich im Geschäftszimmer im San-Bereich gesessen. Aller möglicher Papierkram, Arztrechnungen, Überweisungen, Medikamentebestellungen, jedes Papierchen, was irgendwie mit San-Bereich zu tun hatte, ging über meinen Tisch. Hinzu kam, das ich die Arzt-Termine und Krankenhaustermine aller Leute organisieren musste, eben normaler Alltag im Büro, sozusagen.
Da ich aber der einzige war, der einen LKW-Führerschein hatte, war ich dadurch automatisch auch immer in Bereitschaft. War mein Tagesdienst zuende, konnte ich es mir im Bereitschaftszimmer gemütlich machen, den anderen zusehen, wie die sich vergnügten und darauf warten, das denen irgendwas passiert.
Bei ein paar Tausend Mann im Batallion hat man da genug zu tun, vom kleinen Wehweh'chen bis hin zum Spezi, der sich nen Kronkorken ins Auge geschossen hatte. Da lädt man den dann in den Krankenwagen und donnert mit ihm mit Blaulicht und Sirene ins 50km enfernte Krankenhaus.
Alle 4 Wochen hatte ich dann auch noch Standortbereitschaft, womit das komplette Wochende auch noch im Arsch war. Ich war heimatnah stationiert, ne halbe Stunde nach Hause, und war nie da, weil immer nur Bereitschaft.
Sind die Jäger raus auf den Übungsplatz, musste ich hinterherfahren, haben die auf der Schiessbahn gelegen, stand ich für den Notfall daneben. Abfeiern konnte ich die Überstunden nicht oder nur bedingt, ich war ja der einzige mit Führerschein, und somit hat der Bund es vorgezogen, mir die Überstunden auszuzahlen.
Während der Zeit beim Bund habe ich 2 Zivilisten das Leben gerettet, danach nochmal einer Frau das Leben gerettet, was ich nicht hätte gekonnt, wenn ich die Ausbildung beim Bund nicht gehabt hätte.
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Ich habe Dir das einmal so konkret geschildert, damit Du eine Vorstellung davon hast, was man da beim Bund überhaupt macht oder wie es abläuft.
Selbstverständlich scheint es so, als ob eine Armee heutzutage in der Form nicht mehr nötig ist (darum wurden ja auch unzählige Standorte geschlossen), aber die Armee schützt ja jetzt nicht mehr nur die deutsche Grenze, die Jungs sind nun weltweit im Einsatz.
Der Grundwehrdienst ist dafür da, damit der Laden am laufen gehalten wird. Und wenn Du als Spatenstecher im Dreck rumwühlen musst, dann erfüllst Du in dem Augenblick den Zweck, Deinem Ausbilder die Möglichkeit zu geben, seine Erfahrungen zu erweitern, Du bist dazu da, um den Berufssoldaten als Lernobjekt zu dienen.
Du bist derjenige, der nach vielen anderen lange Zeit vor Dir, das Gewehr putzt, damit es erhalten bleibt und nicht in der Waffenkammer verrostet. Selbst wenn Deine Tätigkeit beim Bund noch so sinnlos erscheint, Du erfüllst immer einen Zweck!
Und wenn die Bundeswehr beim Hochwasser ausrückt und den Leuten hilft, dann ist das auch nur möglich, weil die Grundwehrdienstler da sind, weil über die Jahre hinweg die Grundwehrdienstler die Gerätschaft der Bundeswehr intakt hält.
Die Bundeswehr ist nicht nur für Kriege da!
Verstehst Du nun den Sinn von Grundwehrdienst?
Und mal so nebenbei gefragt, warum gehst Du denn nicht zum Bund, wirst SAZ, und gehst als Soldat ins Ausland? OOOOhhhhh, ja, da muss ich ja mal eben an Pablo denken, dessen Sohn seinen Kopf im Krankenwagen "riskiert", um anderen Deutschen zu helfen. Das geht dann ja schon garnicht, das man mit der Bundeswehr ins Krisengebiet geht....
Da sich diese Struktur bewährt hat, es dem Staat zu ermöglichen, effektiv den Betrieb aufrecht zu erhalten, bietet es sich ja förmlich an, dies genauso in öffentliche Strukturen zu integrieren.
Es gibt hier ZIVI-Stellen in den verschiedensten Bereichen, und wenn Du eben nur, wie Pablo's Sohn, einen Krankenwagen fährst.
Stell Dir mal vor, Du liegst irgendwo auf der Strasse, und es kommt kein Krankenwagen, weil kein ZIVI da ist, der ihn fährt! Da wird dann eben gespart, wenn kein Zivi da ist, dann ist dafür die Standortbereitschaft, die einen grösseren Bereich abdecken muss, und wenn Du Pech hast, liegst Du gerade ganz schön weit weg vom Bereitschaftsdienst, oder womöglich ist der Krankenwagen gerade schon im Einsatz und der zweite Wagen kann nicht ausrücken, weil kein Fahrer da ist.
Stell Dir vor, Deine Eltern sind irgendwann in der Notlage, in ein Pflegeheim zu müssen. Du bist derjenige, der dann die grossen Scheine auf den Tisch legen muss, weil der günstige ZIVI, der normal die Pflege übernimmt, sich in Costa Rica aus dem Fenster lehnt.
Genauso schimfst Du, wenn die Gemeinde im Winter den Schnee nicht räumt. Aber wer soll den Schneepflug fahren, wenn der ZIVI in Bolivien kommuniziert?
All diese Posten mit einer regulären Arbeitskraft zu besetzen, wie soll der Staat sich das leisten? Oder bist Du bereit, für 300 Euro im Monat zu arbeiten? Oder bist Du bereit den doppelten Steuersatz zu zahlen, damit das alles bezahlt werden kann?
Da geht es nämlich wieder los, dieses Opfer will auch keiner bringen. Die Leute drücken sich davor, etwas zu geben, dieses eine Jahr, wobei dieses eine Jahr nicht für den Staat ist, es ist für die Gesellschaft, damit das, was die Leute gewohnt sind, beibehalten werden kann.
Das dieses Kostenmodell funktioniert, und wo der Sinn darin liegt, siehst Du nun denke ich ein. Und weil es funktioniert, und weil die Leute fehlen, alle diese Posten zu besetzen, ist der Staat hingegangen und holt sich nun die vorher unereichbare Zielgruppe, die älteren Leute, mit dem 1-Euro-Job.
Was haben die Arbeitslosen geschimpft, als sie dazu eingeteilt wurden, aber warum das Theater? Der durchschnittliche Arbeitnehmer zahlt im Monat was um die 100 Euro (wenns hoch kommt) an Arbeitslosenversicherung. Wird einer arbeitslos, rennt er zum Amt und holt sich sein Geld da. Wenns nicht reicht, gibts noch Wohngeld etc dazu. Das heisst, die Leute ziehen sich da monatlich 1000 Euro aus dem Automaten, und das ist für denjenigen natürlich eine Selbstverständlichkeit.
Das er vorher aber 1 Jahr lang Arbeitslosenversicherung einzahlen muss, damit der Staat das Geld für diesen einen Monat Arbeitslosengeld hat, das bedenkt hier mal keiner. Die Leute nehmen keine Arbeit an, die ihnen nicht zusagt, wollen ihr Geld vom Staat, was ja angeblich ihr gutes Recht ist, und dafür dann aber auch nichts mehr tun. Den Schneepflug zu fahren z.B., das wäre ja eine Frechheit, jemanden dazu zu verdonnern. Die Leute sitzen lieber "faul" zu Hause und schimpfen, das der Schnee nicht geräumt wird....
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Was den Auslandsdienst angeht, selbstverständlich hat der Staat Interesse daran und fördert dies. Ich zum Beispiel würde es für sehr nützlich empfinden, wenn Du siehst, wie das Leben in Südamerika ist, damit Du den Unterschied siehst, wie gut Du es in Deutschland eigentlich hast, und was Du mit Deinem Auslandseinsatz auch mit "zerstörst", weil Du dafür nicht zur Verfügung standest.
Ich habe auch nie gesagt, das der Dienst im Ausland generell Verschwendung ist. Ich sagte ganz klar, das es mehr als genug Projekte gibt, die wirklich tolle Arbeit leisten. Im Gegensatz dazu gibt es aber auch mehr als genug Projekte, die einfach nur lächerlich sind nicht wirklich Hilfsarbeit sind, was Du mir selbst bestätigt hast.
Und wenn der Staat für so ein Projekt Geld ausgibt, dann kann ich mit gutem Grund sagen, das es pure Verschwendung von Steuergeldern ist.
Hierbei ist auch nicht das Ziel, das Du für Deine berufliche Zukunft Auslandserfahrung hast, das ist Murks. Wenn Du in Bolivien Dein Jahr rum hast und wieder zurückkehrst, dann wirst Du sehen, was ich meine.
Der Staat macht dies vor allem auch deswegen, um das allgemeine Bild von Deutschland endlich zu verändern. Jeder der irgendeinen Bezug zu Südamerika hat kann mir da zustimmen, wenn man Deutschland erwähnt, bekommt man in Südamerika als erstes "Bayern München" und als zweites "Hitler" als Antwort. Das, und genau das ist eigentlich der einzige Sinn, den ich persönlich (und was eben auch das oberste Ziel für Deustchland ist) darin sehe, das den Leuten in Übersee das Gehirn "gewaschen" wird, damit dieses Denken endlich ausgerottet wird.
Hat man eine Generation erst einmal davon überzeugt, das Deutschland nicht automatisch mit "Hitler" in Verbindung gebracht wird, dann gibt diese Generation das auch nicht mehr an die nachfolgenden weiter....
Nur das man für diese Öffentlichkeitsarbeit allein das Geld verpulvert, sehe ich nicht wirklich ein. Das kann genausogut in Verbindung mit wirklicher Hilfsarbeit gemacht werden und ist dann noch weitaus effektiver.
Und wie "DerReisende" schon sagte, warum machst Du denn nicht beides? Zuerst Deinen Grundwehrdienst oder Zivildienst, und danach gehst Du ins Ausland? Dann würdest Du Deinen Teil dazu beitragen, das machst Du ja nicht nur für den Staat, wie Du selbst erkannt hast machst Du das für die Gesellschaft, also auch für Dich, was Du an den obigen Beispielen hoffentlich erkannt hast.
Womit wir bei dem letzen Bereich, "der Schuld" sind. Denk mal darüber nach, welche Vorzüge Du seit Deiner Geburt dank des Staates hattest.
Das geht damit los, das es jeden Monat Kindergeld für Dich gibt, das Du einen Kindergarten besuchen konntest, das Du zur Schule gehen konntest, und das alles, ohne auch nur ein Fitzelchen dafür getan zu haben. Wenn Du einer derjenigen bist, die nach der Schule nicht gleich eine Ausbildung beginnen und ins Berufsleben eintrittst, zahlt der Staat immer weiter für Dich, um Dir eben auch andere Wege zu ermöglichen.
Das einzige, was der Staat dann von Dir erwartet ist, das Du 1 Jahr für ihn tätig bist, genauso wie es andere vor Dir getan haben, und was Du hoffen wirst, das es andere nach Dir auch tun.
Du hast die ganze Zeit vom Staat genommen, genommen, genommen, und nun willst Du noch mehr nehmen und trotzdem nichts geben. Also ich sehe da ganz deutlich eine "Schuld". Irgendwann, spätestens nachdem Du aus Bolivien zurück bist, wirst Du es erkennen, hoffe ich.
Bitte versteh dieses Posting nicht falsch, ich greife Dich nicht an und will auch nicht rumzicken, wir führen nur eine gute Diskussion.
